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Huhu lieber Leser,

In diesem Artikel geht es um meine Erfahrungen in der Krisentagesklinik, in der ich Anfang des Jahres für zehn Tage in Behandlung war. Ich werde diesen großen Erfahrungsbericht in 2 Teile unterteilen. Teil 1 beschreibt wie es dazu kam, sowie den ersten Tag von der Klinik. In Teil 2 geht es um die anderen Tage, die ich zusammenfasse werde, sowie ein abschließendes Fazit. Ich kann dir aber schon jetzt verraten, dass es für mich das Beste war, was ich jemals gemacht habe. Ich habe dort unfassbar viel gelernt und bin mit vielen netten Menschen in Kontakt gekommen. Falls im Erfahrungsbericht irgendetwas unklar ist, dann schreib ruhig einen Kommentar oder eine E-Mail mit deiner Frage an marcel@lebeningrau.de. Während meines Aufenthalts wurden mir Citalopram 20mg verschrieben, die ich immer noch nehme.

 

Wie es dazu kam

Ich saß im Sprechzimmer meines Hausarztes und redete mit ihr ganz offen über meine Probleme und sie nahm sich sehr viel Zeit für mich, denn sie wusste von meinen Problem. Während meiner Ausbildung, die ich später beendete und während meiner Zeit im Callcenter, war ich häufig bei ihr, weil ich eine unkontrollierbare Traurigkeit fühlte. Ich fühlte mich kraftlos, hatte keine Energie und sah auch irgendwie so aus. Sie empfohl mir daraufhin Johanisskraut, was ich auch nahm, aber leider keine Besserung spürte. Doch seit einigen Tagen ging bei mir gar nichts mehr. Ich weinte, ging nicht mehr raus (auch nicht mehr arbeiten) und saß einfach nur noch rum und grübelte. Ich fühlte mich, als würde ich neben mir stehen und irgendwie tat ich das ja auch. Sie druckte mir eine Überweisung für eine Behandlung aus. Als Diagnose stand dort „Mittelgradie Depression“. Ich musste weinen.

Zuhause rief ich sofort in einer Tagesklinik an. Dort erklärte man mir, das ich auf eine Warteliste kommen würde und man sich in 8-12 Wochen wieder bei mir meldet. Meine Situation erschien mir Aussichtslos, doch ich stöberte weiter im Internet und entdeckte eine spezielle Krisentagesklink in Dortmund-Aplerbeck, deren Ziel es war, Leuten in Krisensituationen kurzfristig zu helfen.

Dort konnte ich bereits eine Woche später zum Vorgespräch. Ich erklärte der Ärztin dort das selbe wie auch schon meiner Ärztin. Sie nickte zwischendurch und gab mir dann einen Termin für die Krisen-TK in einer Woche. Das Gespräch mit der Ärztin half mir irgendwie, denn es fühlte sich irgendwie gut an über alles zu reden. In der Zwischenzeit hatte ich meinen Job im Callcenter gekündigt und war jetzt Arbeitslos. (Nein das ist nicht ganz richtig ausgedrückt, denn eigentlich war ich krankgeschrieben.)
Irgendwie fühlte es sich sehr gut an, dass es eine so unproblematische Hilfe für mein Problem gab.

 

Zweifel vor dem ersten Tag

Der erste Tag rückte langsam immer näher und in mir stiegen die Zweifel: „Soll ich wirklich dahin?“ oder „Das bringt doch sowieso nichts.“ habe ich ständig gedacht, denn eigentlich hatte ich das Gefühl, dass dort alles schlimmer werden würde. Tatsächlich wurde übrigens alles besser (Nur mal so am Rande erwähnt.) Die Depression gaukelte mir vor, dass eine Tagesklinik etwas ganz ganz schlimmes sei.
Ich wusste nicht was mich dort erwarten würde. Auf welche Menschen werde ich dort treffen? Werde ich Tanztherapie haben? Ich hatte einfach nur Angst und wollte mich verkriechen und auf keinen Fall dort hin.

Der erste Tag

Es war soweit: Ich duschte zuhause und wartete dann auf meinen Vater, der mich zur Klinik bringen wollte. Irgendwann rief er an, dass er vor der Haustür stehen würde. Ich zog meine Jacke an und setzte mich auf den Beifahrersitz. Wärend der Fahrt redeten wir nicht viel und es fiel mir schwer einen klaren Gedanken zu fassen. Ich fühlte mich einfach nur unsicher. Eigentlich fühlte ich mich wie ein hässliches Entlein zwischen wunderschönen Schwänen. „Mich kann doch sowieso keiner verstehen.“, dachte ich immer wieder. Und als ich Ausstieg murmelte ich nur „Mal gucken, wie es wird.“ und mein Vater sagte nur „Alles wird gut, wirst schon sehen.“

Mein Weg führte nicht direkt zur Krisen Tagesklinik,die ich die nächsten 10 Tage besuchen würde, sondern erstmal zur Anmeldung. Die LWL-Klinik in Dortmund-Aplerbeck besitzt neben einen riesen großen (park-ähnlichen) Gelände auch unzählige Gebäude und damit auch unzählige Möglichkeiten sich zu verirren. Eine Karte wies mir jedoch den Weg zum Phönix-Gebäude, einem modernen, kastigen Glasgebäude. Ich stellte mich bei der Anmeldung kurz vor und wurde dann abgeholt. Mir wurde Blut abgenommen und außerdem wurde ein kurzes EKG gemacht. Die Schwester erklärte mir den Weg und drückte mir dann die Tür auf. Sie erklärte beiläufig das alle Patienten zunächst hier hin müssten und auch einige von der Geschlossenen dabei seien.

Jetzt stand ich da mit meinen Blutwerten und den Ergebnissen des EKGs und suchte nach einer Karte. Dort fand ich den Weg zum Gebäude der Krisen-TK, welche am Rand des Geländes lag. Davor lag ein Pflegeheim für Senioren mit psychischen Erkrankungen, die nicht mehr behandelbar sind. Von dort ertönten Schreie und Beschimpfungen von den Patienten. Einer saß vor dem Pflegeheim, grinste mich breit an und sagte „Peace“. Hier bin ich richtig, dachte ich mir.

Ich erreichte das Gebäude der Krisen-TK und zweifelte wiedermal, aber ich musste auch an meine Freundin und an meine Familie denken. Sie alle wollten nur das es mir wieder besser geht und irgendwie gab mir das die Kraft, die Tagesklinik zu betreten.

Sofort kam eine blonde, ältere Pflegerin auf mich zu. Nahm mir die Ergebnisse aus der Hand und sagte „So früh hatten wie sie gar nicht erwartet, aber schön,dass sie da sind.“. Sie streichelte meine Schulter und ich zuckte leicht zurück. Daraufhin lachte sie kurz und es war ein warmes und ehrliches Lachen. Das spürte ich sofort.
Sie führte mich in einem Raum in dem ungefähr 11 Leute saßen und in diesem Moment blieb mein Herz stehen. (Naja, dann würde ich wohl kaum diesen Artikel schreiben können, aber es fühlte sich so an, als würde mein Herz stehen bleiben.) Alle glotzten mich an und ich fühlte mich komplett fehl am Platze, denn alle sahen so Normal aus. Die Schwester führte mich zu einem Tisch in der Ecke und sagte mir ich solle mich erstmal setzen. Wie auf einen unsichtbaren Befehl hin, standen die Anderen auf und verließen den Raum. (In der Tagesklinik war ein fließender Übergang an Patienten, also nicht alle Patienten starteten gleichzeitig. Es kommt immer ein Neuer und einer geht.
Manchmal auch zwei. Aber ich kam alleine.)

Ich saß jetzt ganz alleine in dem Aufenthaltsraum und schaute mich um. Auf den Tischen entdeckte ich die Überreste des Frühstückes und weiter hinten gab es eine kleine Küche. Hinter mir stand ein Bücherregal mit vielen Büchern über Depression, aber auch ganz normale Bücher und dahinter waren ein paar Sessel um einen Tisch gestellt. Es gab auch einen Außenbereich mit einigen Bänken und Tischen.

Ungewöhnlich fröhlich

Alle Wände waren mit bunten Bildern verhangen und auf einer Wand stand „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzten.“ Mir kam alles irgendwie ungewohnt fröhlich und positiv vor.
Die blonde Schwester kam wieder rein und stellte sich mir vor. (Ich werde sie im Blogbeitrag Frau Schneider nennen, aber ihr wirklicher Name war anders.) Frau Schneider umarmte mich, lachte wieder herzlich und warm und gab mir ein Formular zum ausfüllen. Dann schüttete sie mir Kaffee ein und erklärte mir, wo ich Käse, Milch und Aufstrich finden würde. Brötchen standen auf dem Tisch.
Ich grinste und sie sagte nochmal „Schön, dass sie da sind.“ und danach „Kommen sie heute erstmal in Ruhe hier an.“

Ich frühstückte zwei Brötchen, denn ich hatte bisher noch nichts gegessen, weil ich wegen der Blutabnahme nüchtern sein musste. Dann widmete ich mich dem Formular. Dort musste ich verschiedenen Aussagen eine Bewertung geben. Anhand meiner Antworten entstanden Punkte, die am Ende zusammengerechnet eine Zahl als Ergebnis erbrachten. Anhand dieser Zahl machte man sich dann ein Bild über das Ausmaß der Depression. Aussagen zum Thema Weinen sahen dann so aus:
1. Ich weine selten
2. Ich weine häufig
3. Ich weine jeden Tag
4. Ich weine unkontrolliert und weiß nicht warum
5. Ich will weinen, aber es kommen keine Tränen.
Je höher die Zahl, desto schlimmer die Aussage. Und diese Fragen kamen zu jedem Thema (Wie oft grübel ich, wie aktiv bin ich im Alltag, wie häufig habe ich Sex… und so weiter. Das volle Programm also.)

Während ich das Formular ausfüllte, kamen einige der anderen Patienten wieder ein und sagten kurz hallo. Um ehrlich zu sein wollte ich nichts mit denen zu tun haben. Ein Gedanken, denn ich einige Tage später grundlegend ändern werde.

Draussen wurde es inzwischen wärmer und sechs Leute saßen auf der Terrasse. Eine wurde mir von der Peflegerin kurz vorgestellt: Andrea (Name geändert) begrüßte mich knapp und erklärte mir, dass sie meine Patin sei. Sie würde mir später alles zeigen aber jetzt müsse Gruppe 2 erstmal zur Tanztherapie.
Bei dem Wort Tanztherapie blieb mein Herz wieder stehen. Tanztherapie? Ernsthaft? Was macht man da?

Sie sagte mir, ich könne mich auch ruhig nach draussen setzen, was ich aucht tat. Dort füllte ich mein Formular weiter aus. Dann kam Frau Schneider raus und sagte „Sie lassen es sich hier aber gut gehen.“ und lachte wieder. Irgendwie strahlte diese Person ein ganz besondere Art von Wärme und Freundlichkeit aus. Sie bat mich mitzukommen und ich folgte ich durch die Räume der Krisen-TK. In einem kleinen Büro konnte ich Platz nehmen. Dort erklärte sie mir den Therapieplan, der neben der Tanztherapie auch Tai-Chi, Ergotherapie, Bewegung und Sport vorsah. Außerdem standen dort Dinge wie PMR, Phantassiereise, Der innere, sichere Ort und Stiller Spaziergang – Darunter konnte ich mir erstmal nichts vorstellen.

Ich dachte auversehen laut und murmelte das Wort „Tanztherapie“ woraufhin Frau Schneider in schallendes Gelächter verfiel. Sie streichelte wieder meine Schulter und sagte: „Wir sagen hier immer: Wer noch nie Pommes mit Currywurst gegessen hat, weiß auch nicht wie super das schmeckt.“
Ich nahm mir diese Aussage zu Herzen und sie erklärte mir warum der Tagesplan auch freie Zeit enthielt. Es gab eine Unterteilung in zwei Gruppen, jeweils mit sechs Leuten. Ich war für Gruppe Zwei vorgesehen. Die Pausen gab es, damit man auch mit Gruppe Eins in Kontakt kam und reden konnte.
Danach erklärte sie mir, dass ich heute erstmal außen vor wäre. Lediglich das Mittagessen, die Bewegungstherpie um 13 Uhr und die Abschlussrunde wären heute für mich wichtig.

Tabletten?

Sie führte mich einen Raum weiter, dort saß die Ärztin der Krisen-TK, die meinen Körper nochmal untersuchte. Reflexe der Knie und der Pupillen. Sie führte ein zwanzig Minuten langes Gespräch über meine Aussagen auf dem Formular. Es war irgendwie sehr befreiend mal ganz offen über alles zu reden, aber gleichzeitig war es auch sehr aufwühlend. Auf dem Tisch vor mir stand eine Taschentücherbox, aber ich nahm mir vor nicht zu weinen. Dann fragte sie mich, was ich von Tabletten halten würde. Mit Citalorpam 10mg würde sie gerne bei mir anfangen. Ich hatte mich bis dahin nicht sehr mit Tabletten beschäftigt und wusste auch nicht, welche Unterschiede es da gab. Sie klärte mich über die Nebenwirkungnen auf: Orgasmusstörung, Schlafprobleme, Mundtrockenheit, Herz-Rythmus-Störungen… Die Tabletten würden nicht sofort wirken, wahrscheinlich würden erst die Nebenwirkungen kommen, bevor nach zehn Tagen die wirkliche Wirkung eintritt, erklärte sie mir.

Ich unterschrieb einen Zettel, dass ich aufgeklärt wurde und bekam meine erste Tablette.
Sie erklärte mir danach, dass die Tabletten die Schwelle von Gedanken zum Willen steigern. Das heißt, wenn ich denke, dass ich jetzt ein Bild malen will, dann würde ich das auch machen. Allerdings galt das gleich auch für spontanes vor den Zug springen, was mich ein wenig in Angst versetzte.

 

Mittagessen und Bewegungstherapie

Als ich von dem aufwühlenden Gespräch wieder zurück in den Aufenthaltraum kam, saß dort wieder Gruppe 2. Andrea kam sofort auf mich zu und zeigte mir die Räumlichkeiten. Sie zeigte mir die kleine Küche, mit der Kaffeemaschine und dem Kühlschrank und außerdem die Garderobe im Vorraum. Außerdem zeigte sie mir den Therapieplan und die Tafel für Sondertermine, wie etwas Einzelgespräche oder besondere Therapien. Weiter unten gab es auch einen Essensplan und als ich entdeckte, dass es auch vegane Mahlzeiten gab, musste ich grinsen. Andrea zeigte mir einen kleinen Gruppenraum, mit einem Tisch und acht Stühlen und eine großen Gruppenraum mit unzähligen Stühlen. „Hier finden die Morgenrunden oder Schlussrunden statt.“, erklärte sie mir. Außerdem gab es noch ein Raum mit zurücklehnbaren Sesseln und Klangschalen und einem Gong.

Dann ging es auf zum Mittagessen. Dafür musste man einmal quer über das Gelände laufen. Gruppe 1 kam dazu und einige stellten sich mir vor. Wiedermal stellte ich fest, wie normal mir diese Menschen vorkamen. Ganz gewöhnliche Leute. Wir waren eine gemischte Truppe von 17 bis 60 waren irgendwie alle Altersgruppen vertreten. Wir erreichten die Kantine und aßen einem riesigen Raum mit vielen anderen Patienten aus anderen Einrichtung der LWL-Klinik. Eine Personen wirkten etwas neben der Spur. Zum Mittagessen kann ich nicht viel positives sagen… Aber auch nichts negatives, denn eigentlich schmeckte es nach nichts. Selbst der Salat oder der Nachtisch waren irgendwie geschmackslos. Vielleicht war das auch ganz gut so.

Nach dem Mittagessen wurden wie wieder aufgeteilt. Gruppe 1 hatte jetzt Ergotherpie und Gruppe 2 (ich auch) hatte jetzt Bewegung und Sport. Dafür mussten wir wieder in ein anderes Gebäude. Der Rest von Gruppe 2 stellte sich mir jetzt auch vor und sie erklärte mir, dass der erste Tag für alle komisch war. Andrea sagte mir, dass wir jetzt wahrscheinlich wieder Boccia spielen würden… Moment mal…?! Boccia? War ich nicht wegen Depressionen hier? Seitwann hilft denn Boccia gegen Depressionen?!
Ich möchte nicht zu viel von Teil 2 vorweg nehmen, aber egal was man macht: Es hilft. Selbst Boccia.

Wir spielten etwas 45 Minuten Boccia, wobei wir sechs uns in zwei Gruppen aufgeteilt hatten. Die Gruppe in der ich war hatte gewonnen und wir freuten uns. Irgendwie musste ich lachen, denn das alles kam mir so stumpf und einfach vor, aber ich hatte nicht einmal an meine Depression gedacht. Irgendwie hatte das sogar Spaß gemacht.

 

Schlussrunde

Danach ging es in den großen Gruppenraum, denn dort sollte die Abschlussrunde des heutigen Tages stattfinden. Es war Mittwoch und wie sich herausstelte, war außerdem der Internationale Tag der Primeln… Moment mal? Primeln?! Die Pflegerinnen verteilen auf Papier ausgedruckte Primeln und jeder sollte auf die Rückseite schreiben, was seine persönliche Primel sei. Ich stand zunächst etwas auf dem Schlauch aber schrieb dann auf „Heute„. Dann wurde im Uhrzeigersinn vorgestellt. Jeder sollte seine persönliche Empfindlichkeit von 1-10 sagen (wobei 10 Top war und 1 gaaaaanz Mies). Manche sagten mehr und andere sagten gar nichts. Dann war ich an der Reihe und Frau Schneider erklärte mir, dass ich nichts sagen muss. Aber wenn ich etwas sagen möchte, dann darf ich nichts negatives sagen und auch keine Schimpfwörte. Ich erklärte das auf meiner Primel „Heute“ stand und sprach kurz über meine Zweifel. Dann fragte mich Frau Schneider ob sich meine Zweifel bewahrheitet hätten und ich sagte: (ohne lange zu überlegen) „Nein.“

Weiter gehts demnächst in Teil 2!

 

Titelbild: Pixabay.com

 

 

Admin/Gründer von Lebeningrau.de / Marcel Schulze ist 23 Jahre alt und aus Dortmund
Kontakt: marcel@lebeningrau.de oder per WhatsApp (einfach unten links drücken).

One Reply to “Erfahrungsbericht: Krisentagesklinik (Teil 1 von 2)”

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