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„Manchmal muss man das Glück zulassen.“, erklärte mir die Psychologin in der Klinik und ich verstand erst viel später, was sie mit der Aussage gemeint hatte. Im Kopf eines Depressiven geht eines ab. Viele Gedanken, Zweifel und Ängste schweifen umher und nach und nach nimmt man diese trügerischen Gedanken als wahres Weltbild an. Die Depression erstickt dich und übernimmt die Kontrolle über deine Gedanken. Dinge, die dir früher Spaß gemacht haben, machen dir kein Spaß mehr. Mahlzeiten, die du früher gerne geliebt hast, schmecken dir nicht mehr und du ziehst dich immer eine dunkle, traurige Welt zurück. Jeder Tag, nein, jeder Schritt, jede Tat wird zur Herausforderung und mehr und mehr hinterfragst du den Sinn deines Lebens…

Depressionen kann man nicht heilen, indem man „positiver denkt“ oder „mehr lacht“, aber für eine Heilung gehört lachen und positives denken dazu, denn schließlich wollen wir ja mehr Lebenfreude, mehr Lebensqualität und einfach nur glücklich sein. Aber wie geht das mit dem glücklich-sein überhaupt? Das weiß keiner so richtig. Fest steht auch, dass es keinen magischen Glücksknopf gibt, den jemand bei dir betätigt und auf ein mal bist du der glücklichste Mensch auf der Welt.

Albert Einstein sagte:„Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen
und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas
ändert. und tatsächlich haben diese Worte Wirkung, wenn man mal genauer drüber nachdenkt. Wer Veränderung möchte, muss Veränderung leben – nur ist das mit einer Depression nicht ganz einfach. Man hat das Gefühl, man würde sich selbst im Weg stehen obwohl eine genau genommen, die Krankheit im Wege steht. Für mich ist Veränderung, die beste Therapie überhaupt, denn schließlich haben wir die Möglichkeit alles so zu machen, wie wir wollen. In meinem Erfahrungsbericht über die Krisentagesklink habe ich bereits darüber geschrieben, wie ich diese Veränderung durchgeführt habe, denn hierzu gehört auch die Erkenntnis, dass die Heilung einer Depression nicht steil nach oben verläuft, sondern eher eine Berg- und Talfahrt ist.

Wenn du auf dem Weg der Heilung bist, kann es beispielsweise schon helfen, einfach mal mehr Zeit in der Natur zu verbringen. Einfach mal rausgehen und alles was passiert so zulassen, wie es kommt. Jeder Gedanke, jede Empfindung ist willkommen. Aber man kann auch versuchen sich vorzustellen, was man als Kind gemacht hätte, oder was man tun würde, wenn man keine Depression hätte und genau diese Gedanken, wenn man die dann noch (mit kleinen Schritten) in die Tat umsetzen kann, dann gelangt man ein klein wenig Kontrolle zurück. Natürlich klappt das nicht immer, aber wenn es klappt und wenn auch nur ein Teil von dem, was du dir vorgenommen hast, so ist das immer noch ein Erfolg! Und was für einer!

Wenn wir negative Gedanken haben dann beschäftigen wir uns stundenlang, wenn nicht sogar tagelang damit. Wir spielen alles genau durch und kommen immer wieder zu dem Entschluss, dass unsere Welt blöd ist. Oder wir kommen zu gar keinem Entschluss, weil wir nichts oder kaum noch etwas fühlen. Doch wie wäre es, wenn wir den Spieß einfach mal umdrehen; Wie wäre es, wenn wir uns immer wieder an etwas positives erinnern? Klar, das ist in jedem Falle anstrengend und bedeutet eine wahnsinnige Umstellung. Aber so gelingt es uns, Herr der Lage zu werden. Natürlich nicht auf ein Mal aber jeden Tag ein bisschen. Mal die postiven Dinge genau so feiern, wie uns die negativen runterziehen. Mal tierisch freuen und immer wieder denken „Das ist toll!“ oder „Das ist großartig!“. Ich kann verstehen, wenn du jetzt denkst, dass dies eine ziemliche Umgewöhnung ist und ziemlich viel Arbeit kostet, aber denk mal an einen Touristen, der zum ersten Mal London besucht. In London ist Linksverkehr und so ertappt sich unser Tourist an jeder Ampel wie er zunächst nach Links schaut. Er muss sich immer wieder dran erinnern „Ach ja, hier ist ja Linksverkehr!“. Aber zum Glück gibt es Hilfen, denn in London steht auf vielen Straßen „Look right“… Und genau diese Hilfen, können wir auch mit in den Alltag nehmen. Indem wir aufschreiben was gut war oder versuchen darüber zu reden. Glück ist also lernbar, aber wie das erlernen einer neuen Sprache, ist es auch total ungewohnt und schwer. Zunächst, denn mit der Zeit wird es immer leichter werden.

Ein weiteres großes Ding ist Dankbarkeit. Vielleicht ist es dir nicht bewusst, aber dein Körper leistet jede Tag wahnsinnige Arbeit gegen alle möglichen Bedrohung und das er überhaupt funktioniert ist ein Wunder. Du bist das Ergebnis, von dem was vor 7 Millionen Jahren in Afrika begann und dafür kann man schon mal Dankbar sein. Vielleicht auch für dein Haus, deine Wohnung oder die Fische in deinem Aquarium, die – obwohl du es seit Wochen nicht sauber gemacht hast und du nicht mehr weißt, wann du sie zuletzt gefüttert hast – mopsfidel umher schwimmen. Egal was es ist.

Setze dir kleine Ziele. Wenn du dir z.B. denkst, ich möchte ab jetzt 3 mal die Woche ins Fitnesstudio gehen, dann ist das vielleicht schon zu viel. Gerade für den Anfang. Fang ganz ganz klein an. Überhaupt erstmal einmal hingehen. Versuche alles ganz bewusst wahrzunehmen und vorallem das wahnsinnig gute Gefühl danach. Sport ist kein Mord, sondern ein wahnsinnig gutes Instrument um Glücksgefühle zu produzieren. Versuche den Sport nicht negativ darzustellen… Aussagen, wie „Ich muss ja noch zum Sport“ produzieren gleichzeitig einen negativen Unterton. Denke viel lieber „Ich kann ja noch zum Sport!“ und siehe nicht als komplette Niederlage, wenn du mal nicht warst. Natürlich ist das schade, aber nutze doch genau dieses Gefühl um am nächsten Tag zu gehen. Mach dir selbst keinen Druck. Ich kenne Leute, die gerne schwimmen gehen würden. Statt überhaupt erstmal einmal wieder zu gehen, denken sie darüber nach sich direkt eine Monatskarte zu kaufen. Und drei mal darfst du raten, ob sie das machen?! Nein! 😀 Setze dir also immer kleine Ziele und aktzeptiere dabei die Zeit.

Zeit aktzeptieren?! Das hört sich doof an. Stimmt auch, aber, wie sagt man so schön „Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut“. Egal was du tust, es ist ein Schritt in eine neue Welt und alles wird die am Anfang ungewohnt und fremd vorkommen. Du wirst dich dann fragen, ob es überhaupt Sinn macht, aber mit der Zeit wirst du merken, dass du immer besser darin wirst oder das du immer mehr aufgehst indem was du tust. Du wirst sicherer. Alles was du tust, ist eine kleine Therapie und du wirst besser, wenn du die Dinge häufiger tust. Meditation aktiviert und trainiert die linke Stirnhirnseite – je dominanter diese wird, desto besser wird man mit negativen Erlebnissen fertig und desto glücklicher fühlt man sich. Du kannst dich besser drauf einlassen wenn du dir feste Zeiten festlegtst. Immer Mittwochs um 18 Uhr meditieren und zwar egal wie du dich fühlst. Oder lege Donnerstag als deinen Sporttag fest… Du kannst frei entscheiden, wie du die Dinge anpackst und wann du sie anpackst.

Mit „Glück zulassen“ ist also auch irgendwie „Glück suchen“ gemeint. Durch die Depression ist der Blick trüb und nur auf das schlechte fixiert. Wir sehen oft gar nicht was gut und was schön ist. Wir haben einfach nicht den Blick dafür. Aber stell dir mal vor, was du schön finden würdest, wenn du keine Depressionen hättest oder was du gerne machen würdest, wenn du keine Depressionen hättest. So kannst du rausfiltern was dich glücklich macht. Und denk doch dann mal „Ich darf jetzt mal glücklich sein“.

Glück kann man auch finden indem man etwas völlig neues probiert. Es gibt noch so viele Gerichte, die du noch nie gegessen hast. So viele neue Bücher (z.B. von Stephen King), die er noch schreiben wird. Wir können also aktiv neue Dinge ausporbieren. Mal Kleidung kaufen, die man sonst nie tragen würde. Was jetzt nicht heißt, das du dir als Mann ein Rock kaufen sollst, aber kauf doch mal ein witziges T-Shirt. Und freu dich darüber mal ganz übertrieben. Bestell im Restaurant mal was, was du sonst nie essen würdest und geh‘ wie ein Restaurantkritiker an die Sache ran.

Man ist auch automatisch das, womit man sich umgibt. Das ist nicht bei jedem so, denn jeder geht anders mit bestimmten Situationen um, aber es ist nicht hilreich, wenn du als depressiver Musik hörst, wo der Sänger darüber schreibt, wie er sich am besten umbgringt. Ich kenne diese Musik, denn ich habe jahrelang in einer solchen Band mitgemacht. Ich habe mich darin immer wohl gefühlt, weil alles passte. Diese Negativität, diese Zweifel oder diese tiefe Traurigkeit in den Songtexten, darin kann man sich gut wiederfinden. Es kann einem Halt geben, weil man sich verstanden fühlt. Aber es kann einen nicht positiver stimmen. Wenn man Heilung möchte, dann muss man auch ändern, womit man sich umgibt. Hier mal ein Zitat aus meinem Erfahrungsbericht aus der Tagesklinik:

Ich stellte fest, dass jeder Moment in dem man sich beschäftigt eine kleine Therapie war. Ich grübelte nicht ein mal und hatte auch keine Zweifel an dem was ich tat. Ich war einfach so wie ich bin und das zum ersten Mal in meinem Leben. Ich konnte eigene, kleine Entscheidungen treffen und diese neu gewonnen „Freiheit“ nahm ich mit ins Leben außerhalb der Tagesklink und draf eine Entscheidung: Ich beendete die Freundschaft zu einem langjährigen Kollegen, mit dem ich auch Musik gemacht hatte.

Es war für mich, der erste klare Moment nach einer undurchdringbaren Dunkelheit. Ich erkannte was mich zu dem gemacht hatte, was ich jetzt zu besiegen versuchte. Was jetzt nicht heißen soll, dass dieser Freund Schuld an meiner Depression war, aber durch die Musik war ich immer mit der Depression verbunden, denn sie war genau aus diesem Schmerz und der Trauer, sowie den Selbstzweifeln entstanden. Kurz um: Ich beendete die Freundschaft und auch die Arbeit an der Band. Und diese Erkenntis und die damit verbundene Entscheidung schmerzte aber ich fühlte mich frei. Ich weiß nicht was mein früherer bester Freund heute macht und ob er das was ich gemacht habe, verstehen kann.

Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens und gleichzeitig auch der Beginn eines komplett neuen Lebens, denn nach und nach erkannte ich, was mir gut tat und was nicht. Ich hörte sehr viel Musik aus der Gothic-Szene, darunter Blutengel oder andere Szene-Bands, wie z.B. Diary of Dreams.
Die Texte dieser Bands waren geprägt von tiefer Traurigkeit, Zweifeln und Melancholie. Es dauerte Wochen bis ich realisierte, was diese Texte mit mir machen. Sie verhinderten mein Glücklich sein. Natürlich tat es immer gut diese Musik zu hören, denn ich konnte mich darin wiederfinden. Wenn einer darüber sang, wie Scheiße es ihm ging, dann fühlte ich mich damit verbunden. Aber ich konnte mich immer weniger damit identifizieren.

[…]

Oben habe ich kurz das Thema Musik angeschnitten. Meinst du, dass man glücklich sein kann, während jemand darüber singt, wie scheiße es ihm geht und das er sich umbringen möchte?! Andere Frage: Meinst du man kann lachen und fröhlich sein, wenn ein total witziges Lied im Radio läuft? Was ist wahrscheinlich. Es tut mir leid, wenn ich das ein wenig krass ausdrücke, aber für mich war das eine große Erkenntis. Viele Leute sagen: Diese negative Musik sei nicht der Auslöser für negative Gedanken. Das mag stimmen, wenn man über diesen negativen Songtexten steht, aber nicht wenn man ganz unten im Loch ist und einer darüber singt, wie es noch weiter unten ist. Das kann keine Leiter (also keine Hilfe) sein um nach oben zu kommen. […]

Es tut mir übrigens leid, wenn meine Artikel immer so lang werden. Das will ich eigentlich gar nicht. Ehrlich nicht… 😀 Deshalb reicht es jetzt auch mal mit diesem Artikel…

Schreib doch mal deine Meinung zum Thema in die Kommentare? Was hilft dir? Hast du vielleicht schon festgestellt, was dir gut tut und was nicht? Ich bin sehr auf deine Meinung und deine Erfahrungen gespannt. Wenn du das Ganze nicht öffentlich machen willst, dann kannst du mir auch eine E-Mail an marcel@lebeningrau.de schreiben. Ich freue mich auch über Feedback zum Artikel.

Dein Marcel

Artikelbild: Pixabay.com

 

 

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