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Heute gibt es die Fortsetzung meines Erfahrungsberichtes über meinen Besuch in der Krisen-Tagesklinik. Falls du den ersten Teil noch nicht gelesen hast, kannst du das hier tun. Im ersten Teil habe ich darüber geschrieben, wie es dazu kam, dass ich mich in eine Krisen-Tagesklinik begeben habe. Außerdem habe ich die Ereignisse des ersten Tages geschildert. Im zweiten Teil dieses Berichts geht es um die verschiedenen Therapieformen, Tabletten und um ein abschließendes Urteil. Ich kann dir aber schon jetzt verraten, dass es für mich das Beste war, was ich jemals gemacht habe. Ich habe dort unfassbar viel gelernt und bin mit vielen netten Menschen in Kontakt gekommen. Falls im Erfahrungsbericht irgendetwas unklar ist, dann schreib ruhig einen Kommentar oder eine E-Mail mit deiner Frage an marcel@lebeningrau.de. Während meines Aufenthalts wurden mir Citalopram 20mg verschrieben, die ich immer noch nehme.

Wer noch nie Pommes mit Currywurst gegessen hat, weiß auch nicht wie super das schmeckt.

Die Aussage der Pflegerin wurde irgendwie zu meinem Leitspruch, denn ich wusste (auch wenn ich vegan bin) wie geil Pommes mit Currywurst schmeckt. Das weißt du auch, oder?
Mein zweiter Tag begann mit der Morgenrunde. Auch hier sollten wir uns auf positive Ereignisse beschränken, da wir uns Privat schon genug mit den negativen außeinander setzen. Es fiel mir extrem schwer etwas positives zu sagen, also sagte ich einfach, dass ich mich auf das Frühstück nach der Morgenrunde freuen würde. Wir alle lachten zusammen und kurz danach gab es auch Frühstück. Danach ging für Gruppe 2 zur Ergotherapie. Wieder mal mussten wir quer über das gesamte Gelände laufen um dann ein älteres Gebäude zu betreten. Dort begrüßten uns zwei Frauen und wir konnten uns aussuchen, was wir machen wollten. Andrea (Ja, auch im zweiten Teil, sind die Namen geändert) hatte schon ein Bild angefangen, was sie weiter malen wollte. Die anderen entschieden sich für Speckstein oder Holzarbeiten. Jetzt stand ich alleine da. „Und was wollen sie machen?“, fragte mich die Frau. „Weiß nicht.“, gab ich zurück, denn eigentlich wollte ich nichts malen oder etwas aus Holz bauen. Ich fragte mich die ganze Zeit, wann der magische Knopf gedrückt wurde und ich keine Depressionen mehr hatte. Aber so leicht war das nicht. Und so leicht würde es auch nicht werden. Das Depressionen nicht von jetzt auf gleich weggehen, war meine erste Erkenntnis in der Klinik. Es gab kein magischen Knopf, keinen kleinen Moment, der das Leben verändert, aber es gibt Möglichkeiten die Kontrolle über das Steuer zurückzubekommen und somit den Kurs zu ändern. Aber hierzu gehört Zeit.

Ich entschied mich fürs malen und die Frau erklärte mir, dass ich einfach mal drauf los malen solle. Hier wird nichts kommentiert oder bewertet. Malen sie einfach. Es geht nicht um schön oder hässlich, aber um ehrlich zu sein, fand ich mein erstes Bild potthässlich. Ich malte einen blauen Hintergrund (an den Seiten etwas dunkler und in der Mitte eine undefenierbare Schwärze). Dann malte ich ein weißes Dreieck rein und ein Auge. Keine Ahnung was es darstellen sollte, aber der Frau gefiel es. Meiner Freundin auch, was wohl auch der Grund dafür ist, dass es jetzt in unserer Wohnung hängt. 😀

Die Zeit verging wie im Fluge und die Ergotherapie war schneller vorbei als ich wollte… irgendwie hat mir das malen (ohne irgendwelche Bewertungen) total Spaß gemacht. Einfach drauf los malen. Keiner kann einem etwas vorschreiben. Keiner der guckt und sagt „Das sieht aber kacke aus!“.

 

Tanzen ist Leben!

Naja. So beschrieb es die Leiterin der Tanztherapie, aber wie sich herausstelte war es mehr Bewegungstherapie mit tanzähnlichen Schritten. Gar nicht so schlimm also… Meine anfängliche Abneigung legte ich schnell ab und ich konnte mich einfach drauf einlassen. Es war wie bei der Meditation. Man spürte die Atmung, wurde irgendwie eins mit der Musik und wahrscheinlich, sah es total bekloppt aus. Aber ich dachte nicht einmal darüber nach, wie es wohl aussah oder was die anderen über mich dachten. Bereits am zweiten Tag spürte ich, dass ich mit den anderen irgendwie auf einer Wellenlänge war. So verschieden wir auch waren, so hatten wir doch etwas gemeinsam. Uns allen ging es irgendwie beschissen und ich bekam auch mit, wie einige ganz offen mit den anderen über ihre Probleme sprachen. Etwas was ich niemals machen würde, dachte ich zumindest. Nach und nach freundete ich mich langsam mit den anderen an und öffnete mich ein wenig. Wir spielten Uno oder Phase 10.

Für den zweiten Tag war auch Tai-Chi vorgesehen. Es gab eine kleine Einführung für mich und jemand der einen Tag vor mir gekommen war. Die Bewgungen waren leicht zu merken. Wir machten dann Tai-Chi als Abschlussrunde draussen auf der Terrasse im strahlenden Sonnenschein. Irgendwie war es witzig, wie wir alle uns da so bewegt haben. Aber ein besonderes Gefühl der Entspannung blieb bei mir aus. Frau Schneider erklärte im Anschluss, dass man Tai-Chi, wie auch Meditieren öfters machen müsse, bis man eine Wirkung merkt.

 

Abschied und Begrüßung – auch im täglichen Leben.

Mit vielen Leuten verstand man sich besser und mit einigen nicht so gut. Erst am dritten Tag stellte ich fest, dass jeder Tag in der Klink einen Abschied und eine Begrüßung bedeutete. Jeden Tag ging einer und einer kam. Die Neuen zu beobachten war interessant. Sie sprachen nicht viel, schauten sich unsicher um und verhielten sich haargenau wie ich. Sie fühlten sich ganz ganz merkwürdig und so war ich es, der zu einem neuen sagte: „Der erste Tag ist immer doof.“

Am nächsten Tag wurde ich Pate für eine neue Patienten. Ich zeigte Sabine (Ihr wusst schon oder?! Name ist geändert.) die Räumlichkeiten und nahm sie mit zu den Therapien. Inzwischen waren einige die an meinen ersten Tagen da waren, gar nicht mehr da. Das war total eigenartig, denn auch Andrea fehlte. Wir gingen gemeinsam zur Ergotherapie, wo ich ein zweites Bild malte. Wollt ihr wissen was drauf war? Naja, es war nicht besser oder schlechter als das erste Bild… Es war wieder mal Blau und unten waren ein paar schwarze Striche, die irgendwie einen Wald darstellten. Weiter oben (am Himmel) waren ein paar Vögel oder so… Ich stellte fest, dass jeder Moment an dem man sich beschäftigt eine kleine Therapie war. Ich grübelte nicht ein mal und hatte auch keine Zweifel an dem was ich tat. Ich war einfach so wie ich bin und das zum ersten Mal in meinem Leben. Ich konnte eigene, kleine Entscheidungen treffen und diese neu gewonnen „Freiheit“ nahm ich mit ins Leben außerhalb der Tagesklink und draf eine Entscheidung: Ich beendete die Freundschaft zu einem langjährigen Kollegen, mit dem ich auch Musik gemacht hatte.

Es war für mich, der erste klare Moment nach einer undurchdringbaren Dunkelheit. Ich erkannte was mich zu dem gemacht hatte, was ich jetzt zu besiegen versuchte. Was jetzt nicht heißen soll, dass dieser Freund Schuld an meiner Depression war, aber durch die Musik war ich immer mit der Depression verbunden, denn sie war genau aus diesem Schmerz und der Trauer, sowie den Selbstzweifeln entstanden. Kurz um: Ich beendete die Freundschaft und auch die Arbeit an der Band. Und diese Erkenntis und die damit verbundene Entscheidung schmerzte aber ich fühlte mich frei. Ich weiß nicht was mein früherer bester Freund heute macht und ob er das was ich gemacht habe, verstehen kann.

Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens und gleichzeitig auch der Beginn eines komplett neuen Lebens, denn nach und nach erkannte ich, was mir gut tat und was nicht. Ich hörte sehr viel Musik aus der Gothic-Szene, darunter Blutengel oder andere Szene-Bands, wie z.B. Diary of Dreams.
Die Texte dieser Bands waren geprägt von tiefer Traurigkeit, Zweifeln und Melancholie. Es dauerte Wochen bis ich realisierte, was diese Texte mit mir machen. Sie verhinderten mein Glücklich sein. Natürlich tat es immer gut diese Musik zu hören, denn ich konnte mich darin wiederfinden. Wenn einer darüber sang, wie Scheiße es ihm ging, dann fühlte ich mich damit verbunden. Aber ich konnte mich immer weniger damit identifizieren. Dafür sorgte auch ein Zitat von Albert Einstein:

„Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen
und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.
(Albert Einstein)

 

Durch Veränderung die Depression bekämpfen

Die letzten Sätze aus diesem Erfahrungsbericht handelten sehr wenig von der Klink und das ist auch bewusst so gewählt, denn ich war dort nur von 8 bis 15 Uhr und es gab auch noch ein Leben außerhalb. Und es gab viele Dinge, die man aus der Klinik mit in das Leben nehmen konnte. So auch die Erkenntnis, das man das positive feiern sollte. Das hört sich jetzt erstmal komisch an, oder?
Aber wir denken stundenlang über jeden erdenklichen Mist nach. Das ist blöd und nichts was man machen will klappt… klar, wir leiden an einer Depression aber man kann versuchen, die Gedanken umzulenken. Wie wärs wenn man mal ganz ausgiebig über etwas nachdenkt, was gut war. Das ist ungewohnt, aber wie ein Tourist in London gewöhnen wir uns an den gedanklichen Linskverkehr. Das Gehirn müssen wir umpolen. Und das immer wieder. In jeder Sekunde. Immer wieder aufs neue und das bedeutet Arbeit. Wie schon oben erwähnt, gibt es keinen magischen Knopf, der eine Depressionen heilt, aber man selbst kann seinen eigenen Fahrplan festlegen und auch einen Notfallplan. Es ist alles gut so wie es ist und es ist auch gut, wenn man sich mal dreckig fühlt und einfach mal nichts machen möchte. Man muss es nur erkennen und zugeben: „Heute ist ein scheiß Tag.“ Dann ist das halt mal so, denn auch die Heilung einer Depression verläuft nicht steil nach oben. Es geht immer auf und ab – mal mehr mal weniger, aber es gibt auch ein Ziel und das darf man nie verlieren.

Oben habe ich kurz das Thema Musik angeschnitten. Meinst du, dass man glücklich sein kann, während jemand darüber singt, wie scheiße es ihm geht und das er sich umbringen möchte?! Andere Frage: Meinst du man kann lachen und fröhlich sein, wenn ein total witziges Lied im Radio läuft? Was ist wahrscheinlich. Es tut mir leid, wenn ich das ein wenig krass ausdrücke, aber für mich war das eine große Erkenntis. Viele Leute sagen: Diese negative Musik sei nicht der Auslöser für negative Gedanken. Das mag stimmen, wenn man über diesen negativen Songtexten steht, aber nicht wenn man ganz unten im Loch ist und einer darüber singt, wie es noch weiter unten ist. Das kann keine Leiter (also keine Hilfe) sein um nach oben zu kommen. Dazu später nochmal mehr.

 

Zurück zur Klinik

Ich genoss die Zeit in der Klinik immer mehr und ich freundete mich mit einigen Leuten an. Vielleicht leisteten auch die Tabletten einen großen Teil, aber alles fühlte sich irgendwie leicht an, aber trotzdem war es auch ungewohnt, einfach mal man selbst zu sein und zu lachen. Wir spielten häufig Badminton und unsere Partien endeten immer damit, dass der Federball in die Regenrinne der Tagesklinik flogen. Das war immer wieder witzig, denn auch in der Sportherapie blieben die Bälle immer wieder an der Decke hängen. Vielleicht sollte ich der LWL-Klink mal 20-30 neue Federbälle zukommen lassen?! 😀

Ich merkte wie gut mir die anderen Leute taten und ich konnte üben mit Leuten zu reden. Hier hatten alle Verständis, was mir gleichzeitig auch Angst machte, denn wie sollte das sein, wenn man erstmal aus der Klink raus war? Dazu später mehr.

Es kamen immer wieder neue und irgendwann war ich der der einzige, der vor den anderen da war. Mein letzter Tag. Auf ein Mal war er da und es war eigenartig. Bevor wir aber zu meinem letzten Tag kommen, gibt es noch ein paar Erkenntisse, denn während meiner Zeit in der Klink gabes neben Tanzen und Malen auch einige Zusammenbrüche. An einem Tag (es war der selbe Tag, wie der Tag der Entscheidung mit dem ehemaligen Freund und der Band) waren wir zu einem Geburtstag eingeladen. Meine Freundin holte mich von der Klinik ab und wir fuhren dorthin. Schon während der Fahrt überkam mich so etwas wie eine leichte Panikattacke. Mein Herz schlug immer schnell und ich hatte das Gefühl, als könnte ich nicht atmen. Wir erreichten den Ort der Party, doch ich konnte nicht aus dem Auto aussteigen. Es ging einfach nicht. So als ob, der Boden außerhalb des Autos Lava wäre. Ich konnte mich nicht bewegen und ich konnte nicht weinen. Es war total schrecklich und ich erklärte meiner Freundin, dass ich nach Hause möchte. Sie war total überfordert mit diesem plötzlichen Zusammenbruch, da es mir die Tage davor schon viel viel besser ging. Wir fuhren tatsächlich wieder nach Hause und an meinem nächsten Tag in der Klink hatte ich ein Einzelgespräch mit der Psychologin. Sie fragte, worüber ich reden möchte und ich schilderte ihr was passiert war. Wer schon einmal ein Gespräch mit einem Psychologen hatte, weiß das diese eine ganz bestimmte Art haben nach zu fragen.

„Wie haben sie sich in der Situation gefühlt?“, fragte sie. Eine Frage die mich total aus der Bahn warf, da ich es gar nicht wusste. Sie fragte immer und immer weiter und bohrte immer tiefer, bis ich zu der Erkenntnis kam, dass ich mich schämte unter „Normalen“ zu sein. Dann kam sie mit zwei Erkenntissen um die Ecke: Die eine war, dass man nur, wenn drüber redet zu einem Ergebnis kommt und die andere verstand ich nicht. Sie sagte irgendwas mit ABC-Denken…

 

Die Geschichte mit dem Hammer / ABC-Denken

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüber zu gehen und ihn aus zu borgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgetäuscht und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie ihren Hammer“. –
*
Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklich sein

Es kommt durch das auslösendes Ereignis (A) über die Beurteilung (B) zur Konsequenz (Aus dem englischen, deshalb C). Die Depression micht bei der Beurteilung ordentlich mit, denn sie verändert die Interpretation oder verhindert die richtige Beurteilung. Achtung! Ich bin kein Fachmann auf diesem Gebiet, sondern schildere nur meine Erkenntnis daraus. Man kann in diesen Kreislauf ganz einfach eingreifen, indem man seine Beurteilung immer hinterfragt. Ist dem wirklich so? Hat er mich vielleicht nur flüchig gegrüßt, weil er im Stress war? Oft wissen wir gar nicht, wie es anderen geht, wenn wir etwas annehmen, denn uns fehlt die Kraft uns in diese Personen reinzuversetzen. Man muss dieses Hinterfragen nicht sofort in der Situation machen, manchmal reicht auch, wenn man diese Situation hinterher reflektiert und verschiedene Gründe und Aussagen überprüft. Zum ABC-Denken, werde ich auch nochmal einen eigenen Artikel schreiben. Versprochen.

Der letzte Tag

Wie schon oben erwähnt, war mein letzter Tag ganz plötzlich da. Der letzte Tag, war ein wenig wieder erste, denn man war von allen Therapien ein wenig ausgenommen. Nach dem Frühstück erhielten wir wieder das Formular, wo man den Fragen eine Gewichtung zuteilen musste. Mir ging es tatsächlich besser, was man auch auf meinem Fragebogen sehen konnte. Die Depression war nicht weg und ist es auch immer noch nicht, aber es geht bergauf. Jeden Tag ein Stückchen weiter.

Dann sollten wir einen Brief an uns selbst schreiben, dieser kommt dann nach sechs Wochen zu uns nach Hause. Ich beschrieb wie stark ich mich durch die Klinik fühlte und schrieb einfach auf, was mir gut tat. Außerdem mussten wir ein V.IP. , also ein Very Important Paper schreiben. Dinge, die uns gut tun. Was uns geholfen hat usw…. Das hängt inzwischen neben meinem Bett. Während ich dieses ganzen Zettel ausfüllte und mit meinem Schreibkram beschäftigt war, gestalteten die anderen Patienten einen Zettel mit Herzenzwünsche an mich. Sie wünschten mir alles gute für die Zukunft, oder sonnige Tage… Andere hofften darauf mit mir in Kontakt zu bleiben. Dieser Zettel mit Herzenzwünschen tat unfassbar gut und ich habe ihn auch nebem meiem V.I.P.

Am Ende gab es noch ein kurzen Gespräch mit den Pflegerinnen. Nachdem ich mich von allen verabschiedet hatte (hier wurde sich immer fleißig umarmt und manchmal auch geweint), nahm ich noch ein paar Minuten alle Einflüsse aus der Klinik war. Ich wusste, dass ich nie wieder diese Räumlichkeiten von Innen sehen werde (oder wollte) und ich wusste, dass jetzt ein neuer Abschnitt begann. Ich erhielt noch eine Kerze, die wir auch schon in den Meditationsübungen benutzt hatten, die ich für eine schlechte Stunde aufbewaren sollte. Diese Kerze hatte ich bis heute noch nicht an, aber steht auch neben meinem V.I.P.

Loch

Nach der Klinik fiel ich ganz tief zurück in die Realität. Zuhause war wieder alles anders, als in der Klinik. Die gesamten Abläufe fehlten oder waren ganz anders organisiert. Hier war nichts festgelegt und das machte mir zu schaffen. Mithilfe einer Stundenplan App fürs iPhone kreierte ich mir einen Tagesplan, mit dem ich meinen Tag grob strukturierte. Das klappte mal mehr und mal weniger. Ich ging einige mal zum Sport, aber dann auch wieder nicht. Kurz um: Ich fiel wieder in ein Loch, aber nicht ganz so tief wie vorher. Mir fehlte die Struktur, da ich auch immer noch keine Arbeit hatte.

Ich schrieb weiter Bewerbungen und hoffte sehr einen Job zu finden. Dazu kam noch, dass mir meine Krankenversicherung ziemliche Probleme machte, da ich kein Geld bekam und auch nicht Arbeitslos war. Ich war also eine Zeit nicht versichert oder wollte es nicht sein, was aber in Deutschland nicht geht, weshalb ich meine Beiträge jetzt nachzahlen sollte… Das alles führte dazu, dass ich mich wieder verkriechen wollte. Aber dann kam ein Hoffnugschimmer: Eine Einladung zum Bewerbungsgespräch als Postzusteller und ich sollte zwei mal Probe arbeiten. Dann unterschrieb ich den Arbeitsvertrag und hatte endlich wieder einen Job. Den coolsten Job auf der Welt, zumindest für mich, denn es war oder ist genau der Richtige. Ich bin viel in Bewegung und habe feste Arbeitszeiten. Keine Schichtwechsel, keine Chefs, die einen durchgehend kontrollieren und ich habe unfassbar viel Zeit für mich, denn während man durch sämlichte Straßen von Dortmund gurkt, kann man viel nachdenken. Fast schon zu viel. 😀

Diese neu gewonnen Struktur sorgte bei mir für einen unfassbaren Rausch an Veränderung. Ich hatte unfassbaren Spaß daran, dass ich alles entscheiden konnte, was ich wollte. Naja, zumindest im kleinen. Ich konnte die Musik hören, die ich gut fand und brauchte mich vor keinem zu rechtfertigen. Ich konnte plötzlich eigene Entscheidungen treffen und auch begründen. Ich hatte ein großes Stück an Kontrolle zurückerlangt und das fühlte sich genial an. Ich konnte mir einfach mal ein total verrücktes Polo-Hemd mit Palmen drauf kaufen, obwohl ich sowas total bekloppt und kitschig fand. Aber es war so witzig und auch mein Musikgeschmack änderte sich.

Meine gute Laune konnte ich in meinem Musikgeschmack nur selten wiederfinden. Oft zogen mich die negativen Songtexte runter und ich merkte, dass es mir danach ganz anders ging. Ich war ganz aufgewühlt und zweifelte fiel. Diese Musik und die Texte passten nicht mehr so ganz zu meinem neuen Leben. Ich hörte stattdessen einfach das, was meine gute Laune wiederspiegelte oder was gute Laune hervorbrachte. Das ist jetzt kein Universalrezept für Depressionen, aber für mich hat es gewirkt. Ich konnte mich mit ganz neuen Gedanken außeinandersetzen und lernte mich auch selbst so richtig kennen. Ich stellte fest, wie gut es tat, wenn man einfach mal nach draussen ging und eine Runde spazierte. Und ganz wichtig: Ich konnte über mich selbst lachen. Während meiner Depression habe ich unsere Wohnung immer wieder (zwanghaft) aufgeräumt und es fiel mir schwer dieses Handeln abzuschalten. Ich hatte hier viele schlechte Tag verbracht und alles schon fast klinisch rein gehalten. Sehr zum Leidwesen meiner Freundin, aber nach und nach arbeitete ich daran und musste immer wieder lachen, wenn ich in alte Muster zurückfiel. Ich stand jetzt viel weiter oben auf der Leiter und hatte einen ganz anderen Blickwinkel auf mich und meine Umgebung.

Therapie: Veränderung

Für mich war die Beste Therapie: Die Veränderung! Ich musste mein Leben völlig neu aufkrempeln und Glaubensätze und Leitbilder völlig neu hinterfragen oder verwerfen. Ich löschte alle meinen Accounts in sozialen Netzwerken, da ich sie schlichtweg nicht mehr brauchte. Besser noch: Ich fand es plötzlich total albern, wenn jemand postete: „Guck mal mein Mittagessen“ oder wenn Leute irgendwas teilten.

Ich lernte, dass das Leben im hier und jetzt stattfand und nicht an einem selbsterstellten, virtuellen Ort. Alles was man wissen wollte, konnte man Leute fragen und man braucht keine Angst vor der Reaktion zu haben. Ich hielt die Leute in meiner Umgebung plötzlich für ganz wichtig und merkte, dass ich mit ihnen auch ganz offen über meine Gedanken und Gefühle sprechen konnte. Oder auch eben nicht.

Ich fand die Freude an Konversationen wieder, obwohl ich mich vorher komplett zurückgezogen hatte. Eigentlich hatte ich nur gesprochen, wenn ich etwas gefragt wurde. Es war ein völlig neues Lebensgefühl. Das war mein Erfahrungsbericht aus der Tagesklinik. Ich wollte das Ganze einfach mal für mich, aber auch für Andere niederschreiben. Falls man noch nie in Behandlung war, ist es doch bestimmt schön zu wissen, dass es Hilfe gibt. Depressionen sind eine ernstzunehmende Krankheit, die dein gesamtes Leben auf den Kopf stellt. Man nimmt die Trugbilder der Depression plötzlich als Wahrheit an und genau dort kann man der Depression, den Kampf ansagen!

Aber oft schafft man das nicht alleine. Ich hätte es alleine auch nicht geschafft. Aber jetzt kann ich sagen: Das die Klinik das Beste war, was ich jemals gemacht habe.

Warst du auch schon mal in Behandlung? Welche Erfahrung hast du gemacht? Wie geht es dir heute und wie ging es dir vorher? Und falls du noch nicht in Behandlung warst, was sind deine größten Ängste vor einer Behandlung? Schreib doch mal deine Meingung bzw. Erfahrungen in die Kommentare oder per Mail an marcel@lebeningrau.de (falls du es nicht öffentlich schreiben willst.)

Falls du Fragen zu meinem Aufenthalt in der Klinik hast oder falls im Artikel etwas nicht ganz schlüssig ist, dann hau deine Worte doch mal in die Kommentare. Ich versuche das dann zu beantworten.

Dein Marcel

 

Titelbild: Pixabay.com

Admin/Gründer von Lebeningrau.de / Marcel Schulze ist 23 Jahre alt und aus Dortmund
Kontakt: marcel@lebeningrau.de oder per WhatsApp (einfach unten links drücken).

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