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Seelische Probleme sind vor allem Probleme, bei denen schnell eine Therapie gefunden werden muss. In der Regel muss man 20 Wochen oder sogar ganze 6 Monate auf einen freien Therapieplatz warten, doch dieser muss auch erstmal gefunden sein. Damit sich die Symptome nicht verschlimmern oder sogar chronisch werden, ist es sehr wichtig, dass man schnelle Hilfe bekommt bzw. die  Wartezeit bis dahin gut überbrückt. In diesem Artikel gebe ich dir einige Erste-Hilfe Tipps mit auf den Weg, mit denen du die Wartezeit überbrücken kannst.

Quälende Wartezteit

“Die Wartezeit beträgt bei uns momentan 10 Wochen, aber vielleicht haben wir auch schon früher Platz – sollte ein Patient vorzeitig abspringen.”, erklärte mir die Dame, die auf der anderen Seite des Schreibtisches saß. An der Wand hingen Bildern von Stränden und tanzenden Menschen. Auf jedem Tisch standen mindestens zwei Taschentücherboxen. “Sie müssten dann aber jede Woche anrufen und sagen, dass sie noch an einem Platz interessiert seien.”

Es ging um einen Platz für eine Tagesklinik, die schnelle und unkomplizierte Hilfe verspricht. So steht es zumindest auf der Internetseite. Nach einem kurzen Telefonat, indem ich meine Symptome beschreiben sollte, bekam ich ein Termin für ein Beratungsgespräch. Dort wurde mir dann gesagt, dass die Wartezeit 10 Wochen beträgt. Ich konnte nicht mehr arbeiten, konnte nicht mehr rausgehen und sollte jetzt auch noch 10 Wochen warten, damit ich dann 6 Wochen eine Tagesklinik besuchen könnte?

Eine Depression belastet nicht nur den Betroffenen, denn die seelische Not des Betroffenen belastet auch die Familie, Freunde und natürlich den Lebenspartner. Betroffene können meist nicht mehr ihrem Beruf nachgehen und auch körperliche Beschwerden kommen dazu. Der Betroffene bleibt zuhause, die Gedanken drehen sich im Kreis – es entsteht ein Teufelskreis. Doch was soll man in einer solche Situation tun?

Akutbehandlungen finden

Seit dem 1. April 2017 sollen psychisch Kranke schnelle professionelle Hilfe bekommen. Wer in eine schweren Krise steckt, der hat seit diesem Datum einen Anspruch auf 12-24 Therapiestunden in Form einer Akutbehandlung. Diese Akutbehandlung hat gleich mehrere Vorteile:

  • Es ist keine Probesitzung notwendig – man stellt sich der (z.B. Krisentagesklinik) vor und führt nur ein Erstgespräch mit Untersuchung. Man bekommt direkt einen Termin. Oft bieten Krisen-Tageskliniken, wie etwa die LWL-Klinik in Dortmund-Aplerbeck auch Wartesprechstunden an.
  • Die Behandlung muss nicht von der Krankenkasse genehmigt werden. Der Therapeut oder der behandelnde Arzt, teilt der Krankenkasse nur mit, welche Symptome gefunden wurden.

Allerdings darf man sich von einer Akutbehandlung nicht allzu viel erhoffen. Klar, es ist eine erste Hilfe, die einem aus dem gröbsten (also aus einer akuten Krise) herausholt, aber ganz geheilt wird man natürlich nicht. Gerade bei wirklichen starken Depressionen, reicht die Zeit oft nicht aus, um den Problemen wirklich auf den Zahn zu fühlen bzw. den Ursprung zu finden.
Meine Erfahrungen mit einer Krisen-Tagesklinik habe ich in einem zweiteiligen Erfahrungsbericht zusammengefasst.


§ 13 Absatz 3 des Sozialgesetzbuch nutzen

Es ist wie die Nadel im Heuhaufen finden – zumindest empfinde ich es so; Wenn man Psychologen anruft oder E-Mails schreibt, dann bekommt man zu 90% gesagt: Tut mir leid, nur Privatversicherte.Doch wusstest du, dass du dir sogar eine Privatpraxis bezahlen lassen kannst?

§ 13 Absatz 3 SGB erlaubt es dir, denn dort heißt es “Konnte die Krankenkasse eine unaufschiebbare Leistung nicht rechtzeitig  erbringen (…) und sind dadurch Versicherten für die selbstbeschaffte Leistung Kosten entstanden, sind diese von der Krankenkasse in der entstandenen Höhe zu erstatten, soweit die Leistung notwendig war.”

Dieses Verfahren nennt sich Kostenerstattungsverfahren und wird sogar von den meisten Privatpraxen direkt angeboten. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich darüber genauer zu informieren. Doch auch hier ist Vorsicht geboten, denn viele Erstattungsanträge werden abgelehnt, da es Terminservicestellen der kassenärztlichen Vereinigungen gibt oder die Möglichkeit der Akutbehandlung.

Und jetzt wird es wirklich – naja – blöd, denn die Krankenkasse verweist einen zwar dann auf die Terminservicestellen der kassenärztlichen Vereinigungen, aber diese geben einen dann nur einen Termin für ein Erstgespräch. Das heißt allerdings nicht, dass der Therapeut auch wirklich einen Termin frei hat, denn das wissen die Mitarbeiter der Terminservicestelle meistens nicht.

Oder man wird auf die psychotherapeutische Sprechstunde verwiesen, doch auch dies ist keine Behandlung und auch leider keine Hilfe. Hier bekommt man lediglich (nach einem Erstgespräch) gesagt, welche Art von Therapie für einen geeignet sein könnte.

Wo gibt es denn jetzt Hilfe?

Wenn man das so liest, dann könnte man meinen, dass wir uns im Kreis drehen und irgendwie ist es ja auch so. Immer wieder Rückschläge und ständig wird man von A nach B geschickt. Oder halt zu C – was natürlich gerade für Leute, die in einer schweren Krise stecken wirklich nicht hilfreich ist. Ich weiß leider auch nicht, wer sich dieses System so ausgedacht hat, aber ich weiß, dass da einiges nicht richtig läuft. Betroffene müssten viel schneller einen Platz finden, allerdings gibt es auch immer mehr Betroffene. Diese (quälende) Wartezeit kann für den Betroffenen (+ Angehörige) zur echten Zerreißprobe werden. Doch wo gibt es denn unkomplizierte Hilfe?

Es gibt kostenlose und anonyme Beratungsstellen, die einem auch Zeitnah helfen können. Die Mitarbeiter, die dort arbeiten sind häufig Sozialarbeite oder sogar Psychologen. Sie können zwar keine direkte Therapie anbieten, da ihnen die psychotherapeutische Ausbildung fehlt, können aber praktische Lösungen anbieten, die das Befinden verbessern. Außerdem können sie dabei helfen Hilfsangebote zu finden oder die äußeren Umstände ändern, die die Krankheit ausgelöst bzw. verschlimmert hat.

Auch Online (in Chats und Foren) kann man Hilfe finden. Dort gibt es keine Wartezeiten und vielleicht auch weniger Hemmungen. Außerdem sind diese überall nutzbar. Wenn die Therapie via Skype oder E-Maill stattfindet, sollte man allerdings kritisch gegenüber dem Datenschutz sein, doch eine erste Hilfe stellen diese Anlaufstellen allemal da. Da gibt es zum Beispiel das Online-Selbsthilfeprogramm Moodgym der AOK sowie den Depressionscoach von der Techniker Krankenkasse (TK).

Photo by Kristina Tripkovic on Unsplash / Photo by Fancycrave on Unsplash

Quellenverzeichnis

  • Pressemitteilung der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK): Behandlung in Privatpraxen weiterhin möglich – BPtK: Psychisch Kranke haben wie bisher Anspruch auf Kostenerstattung
  • Beschlüsse des G-BA zur Richtlinie „Psychotherapie“ http://www.kbv.de/html/2924.php
  • § 13 SGB V Kostenerstattung
    https://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbv/13.html
  • Online-Informationen des Psychotherapie-Informationsdienstes (PID) der Deutschen Psychologen Akademie des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP): www.psychotherapiesuche.de
  • Psycho­therapie: Neue Ansprüche für gesetzliche Kranken­versicherte. Online-Informationen der Stiftung Warentest: www.test.de

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